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... aus Freude am Kurven

Raoulis Geschichte:



…oder, wie es die Sauerländer

Braunlocke ins grüne Münsterland verschlug.




Raouli kam am 24. Juli 2005 in einem kleinen

Dorf im Sauerland zur Welt.




Es war einer dieser herrlichen, sonntäglichen Sommermorgende. Die Kirchenglocken läuteten, alles war ruhig, friedlich und warm. Ein Milchmädchen schrieb soeben mit dem geerbten Füllfederhalter der Großtante die noch liegen gebliebenen Rechnungen des vergangenen Monats. Alle hatten sich stets auf ihre Sorgfalt und Zuverlässigkeit verlassen können, nie hatte  es auch nur den geringsten Anlass zur Beschwerde gegeben.


Herr Dr. Bückelmann, der zugereiste verwitwete Frühpensionär der Oberpostdirektion Rheingau-Süd, ein passionierter Wandervogel, bekam wie immer allmorgendlich sein Milchbrötchen, das Kreisblatt und einen halben Liter noch warmer, frischer Buttermilch vor die Pforte seines hübschen walmbedachten Häuschens gestellt. Frau Zielke, die fast taube,  sehr liebevolle Dame von gegenüber nahm bescheiden nur einen Liter Vorzugsmilch. Herr Kleber - ganz Asket und Sportlernatur -, bevorzugte stets nur die Zeitung. Das Milchmädchen kannte ihn gut und wusste über ihn wie über jeden im Dorf hinsichtlich der morgendlichen Vorlieben Bescheid. Er, Herr Kleber, beispielsweise, würde morgens niemals eine Kleinigkeit zu sich nehmen, aber auf die Zeitung zu  verzichten, nein, das wäre kein gelungener Start in den Tag. So konnten sich alle auf das Milchmädchen, Ilse war ihr Name, verlassen und so gering ihre Aufgabe manch einem erscheinen mochte, so trug sie auf nicht unerhebliche Weise in ihrer Verlässlichkeit und Kenntnis aller Einwohner zum dörflichen, morgendlichen Frieden bei.   


Dann, aber, geschah es:


Ein kleiner brauner Hund, lockig, mit drei schwarzen Punkten im Gesicht, erblickte das Licht der Welt. Er hatte sich nicht lange mit dem Geburtsprozedere aufgehalten, nein, er wollte raus, brauchte Unterhaltung und hatte Hunger. Zudem war er sehr neugierig. So sagte er denn seiner Mammi alsbald Adé“ und zog los, seinen engen Pudelhorizont in die dörfliche Weite auszudehnen. Es war früh morgens und nur er wusste, dass nichts mehr so sein würde, wie bisher.

Auch Herr Dr. Bückelmann, der Herr von der Oberpostdirektion Rheingau-Süd, der gerade aus dem Bette steigend seinen nackten Fuß in die kalte Kunstlederpantolette schob, würde binnen kürzester Zeit eine weitere unangenehme, unverhoffte morgendliche Überraschung hinnehmen müssen. Er streifte seinen weinrotblau gestreiften Bademantel über, zog den Gürtel straff mit einem Doppelknoten entschlossen über seinem stattlichen Bauch zusammen und schlurfte schlaftrunken in die Küche, um das Wasserkesselchen für den Kaffee aufzusetzen. Alles war vorbereitet - wie immer:  zur Toilette, zur Haustür, hinaus auf den bekieselten Weg, hin zur Pforte und ein routiniertes Bücken, ein Greifen. Er nahm die Zeitung unter seinen linken Arm, die Flasche Milch in die linke Hand und die rechte griff nach der Tüte mit dem weichen, warmen Milchbrötchen. Aber da war kein Milchbrötchen, da war nichts weiter. Hatte Ilse ihn vergessen? Ein Stutzen, ein Gucken, tatsächlich nichts! Ein Blick nach rechts: da, ein schneller brauner Schatten – mehr nicht.

Verärgert und ein wenig ratlos war Herr Dr. Bückelmann, begann doch dieser Tag so ganz anders als all’ die anderen zuvor. Gut fühlte sich das jedenfalls nicht an.

Raouli verspeiste derweil genüsslich das erste Milchbrötchen seines noch jungen Lebens. Das war doch was. Immer diese Muttermilch. Dieses war Milch zum Beißen und er hatte Biss…

Nun, sein Hunger war gestillt, aber sein Wissensdrang, seine Neugierde begann sich zu regen. Wo bin ich, wer bin ich und wenn ja, wie viele? Er streifte ziellos durch die Gässchen, die katholische Leihbücherei hatte noch geschlossen, als er vorbeikommend an Herrn Klebers trautem Heim, das Kreisblatt auf dem Haustürabsatz erblickte: Schwupp, ein galant gekonnter Sprung und das Blatt war seines. Bunte Bilder, weite Blicke, eine attraktive Dame auf Seite eins und fremde Welten erschlossen sich vor seinen glänzenden Knopfaugen. Herrlich, dort musste er hin.  Wütend zerriss er die schwarzen Buchstaben, er wollte mehr, er wollte Weite, Weitblick und Abenteuer. Die zerfetzten Buchstaben flogen ziellos in den gepflegten Vorgärten der schlaftrunkenen Bürger umher.


Die Woche, die Monate zogen ins Land und selbst die zartesten Milchbrötchen, mitreißende Kreisblattberichte und frische Vorzugsmilch mit neuerdings gar Erdbeeraroma, verloren mit der Zeit ihren Reiz. „Noch bin ich kein zahnloser Pudel“, dachte er und träumte von bissigen Schnitzeln, saftigen Bouletten und fettigen Käsescheiben. Wie komm’ ich hier nur raus? Ein kurzer prüfender Blick in die Schaufensterscheibe des ortsansässigen Apothekers führte ihm ebenso unmissverständlich wie deutlich vor Augen, dass ihm seine körperliche Konstitution kaum ein Entrinnen in ferne Welten gestatten würde. Oft schon hatte er sein Bein an so manchem Straßenrand gehoben, doch noch nie hatte nur ein Auto jemals angehalten, um ihn in erträumte Weiten zu entführen… So lungerte er Tag für Tag missmutig zwischen katholischer Leihbücherei  und Apotheke umher, alles war erlebt, alles war markiert. Ein Mensch wäre dem Wahnsinn  verfallen, doch er wusste: SEINE Chance würde kommen.


U n d   s i e   k a m…


Es war wieder ein sonniger, sonntäglicher Vormittag, Anfang März. Schon von weitem vernahm er dieses unbekannte Geräusch. Es war ein Röhren, ein wiederkehrendes gewaltiges Dröhnen, und es kam näher. Es kam so schnell so nah - ein schwarzer Blitz…  schon wieder vorbei. Nichts blieb, als eine gigantisch-dunkle Staubwolke. Etwas schwarz-braunes entschwand hinter der Hügelkuppe kurz hinter dem ‚Goldenen Lamm’. Was war das? Wer war das? War das der Prinz, der Retter  aus der Ödnis?

Wie auch immer, er war entschwunden. Das war’s. Resigniert fiel er in seine Sonntagvormittags-Apathie zurück.

Der April blieb ruhig. Doch dann, im Wonnemonat Mai, da war es wieder. Er erkannte es SOFORT: dieses Dröhnen, dieses Röhren, heute war es von Reifenquietschen begleitet. Noch einige Male sollte Raouli diese herrlichen Geräusche vernehmen. Wie elektrisiert traf es ihn ins Innerste: Diese Kraft, diese Männlichkeit, das war es, was auch er oft in sich verspürt hatte, ohne es benennen zu können. Diesen Sturm und Drang, dieses Voran, das war es, was er wollte, was er brauchte. Er war niemandem Rechenschaft schuldig, er war frei und die gesamte Nachbarschaft grüßte ihn ohnehin schon lange nicht mehr. Der Brötchen-Milch-Zeitungsklau hatte ihn nachhaltig unbeliebt gemacht. Tags wie nachts konnte er nur dieses Eine denken: Wie komme ich hier heraus?


In der dritten Augustwoche, eine spätsommerliche Schwüle lähmte jedwede Geschäftigkeit der Dorfbewohner, selbst die bürgerlichen Dorfhunde, auch sie grüßten ihn schon lange nicht mehr, lagen missmutig auf den Stufen des Rathausbrunnens. Stund um Stund ‚verrann’ im Schneckentempo. Raouli erwartete rein gar nichts mehr von diesem Tag, nur, dass er endlich enden möge und wie um einen Schlusspunkt zu setzen, markierte er noch einmal die Zapfsäulen der Dorftankstelle. Die Atmosphäre verdichtete sich, und alles wartete  auf das erlösende Gewitter, das endlich Abkühlung bringen würde. Als aus der Ferne erneut das prinzliche Röhren des so oft vernommenen Traumritters ertönte, spitzte Raouli  seine Schlappohren. Wenigstens ein Ereignis, würde diesen müden Tag krönen. Langsam schwoll das Dröhnen an und ein  weiteres gesellte sich hinzu, ein dunkles Grummeln. Es nahte heran und beide verbanden sich zu einem drohend anschwellenden Inferno. Und da geschah es: Der Himmel öffnete seine Schleusen und ein Sturzregen infernalischen Ausmaßes ergoss sich auf den nunmehr diabolisch dampfenden Asphalt. Das röhrende Raubtier, es hatte nun zwei glühende Augen, raste direkt vor den Augen des Hundes vorbei, um unter dem weit auskragenden Vordach der örtlichen Tankstelle zur Ruhe zu kommen.

Eine von der Sommersonne braun gegerbte Hand griff nach hinten und zog eine noch braunere Stoffkappe nach vorn. Ein schlanker Recke entstieg der Höllenmaschine und verschwand im Innern der  Tankstelle. Und Raouli wusste mit dem sicheren Instinkt eines geborenen Vorteilnehmers:


„Das ist sie, meine Chance.“


Beherzt sprang Raouli über die heruntergelassene  Beifahrertürscheibe ins Innere und versteckte sich in einer Höhle hinter den beiden Sitzen1). Er hielt den Atem an. Nach kurzer Zeit hörte er, wie die Wagentür ins Schloss fiel und die Bestie erneut ertönte. DAS waren Frequenzen! Er legte seine braun befellten Ohren an. Ui, ui, ui…dachte er, DOCH, als plötzlich der braune Stoffhimmel mit einem Male über ihm zusammen schlug2), da war er platt, richtiggehend platt. Ein letztes Jaulen schien ihn in sein gefühltes Jenseits zu begleiten. Die Maschine ruckte, stockte und hielt an. Sein Atem ging nun flach. Wie lange würde es dauern? Nie hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was kommen würde… und wann… jenseits der Dorfstraße… jenseits des Lebens. Da, ein gleißendes Licht blendete seine Augen: Der schlanke Recke, ein blau-weiss-gestreiftes Oberhemd, ein Abgott stand vor ihm und schaute ihn mitleidig an.


„Wer bist denn du? Und warum hast Du so platte Ohren?“


Ein müdes Grinsen konnte sich der derangierte Hund nur mühsam abringen, stattdessen zog er die Mitleidsnummer vor. Flehend guckte er den Abgott - das Köpfchen leicht geneigt-, die Augen fragend und tränenerfüllt emporschauend an:


„Warum hast du das getan? Nimm mich mit, ich kann nicht mehr!“


Übermannt von Schuldgefühlen hob der Fahrer des Sportwagens das kleine braune Felltier vorsichtig auf den Beifahrersitz und aktivierte die Sitzheizung. Gut, dass ich keinen NB3) habe…und der Hund nickte. Dies war der Beginn einer langen Freundschaft.


Und noch heute, auf so manch einer Roadstertour sieht man sie, diese beiden, die sich zwar nicht gesucht, aber doch trefflich gefunden haben im trauten Einvernehmen so manch eine Kurve bezwingen.


ENDE


Fußnoten:

 1) Hinter den Sitzen eines Roadsters MX-5, befindet sich eine Raum, eine Mulde, in dem das Verdeck in zusammen geklapptem Zustand verbleibt. Ist dieses geschlossen, ist dort ein Hohlraum. In diesen sprang der Hund…

 2) Das braune Stofffaltdach des Roadsters MX-5  schlägt über seinem Kopf „ein“.

 3) Das Vorgängermodell des MX-5 NC, der sog. ‚NB’ hatte keine Sitzheizung. Das führt immer wieder zu Streitigkeiten zw. ‚NC’   und ‚NB’- MX-5-Fahrern...


Autor: Hans 12/2011